Reizdarmsyndrom – Sind Probiotika wirksam zur Linderung von Durchfall, Bauchschmerzen und Völlegefühl?



Gibt es Unterschiede in der Wirksamkeit von Probiotika bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms? 

Welche Bakterienstämme gelten als wirksam, welche als unwirksam?



Hintergrund

Probiotika sind Zubereitungen, die lebensfähige Mikrooganismen enthalten, die bei der Einnahme positive Auswirkungen auf die Gesundheit des Patienten durch die Veränderung der Magen-Darm-Flora haben.

Probiotika umfassen Formulierungen, die aus Einzel- oder Mischkulturen von lebenden Mikroorganismen bestehen und in verschiedenen Zubereitungen, einschließlich fermentierter Milchprodukte, Nahrungsmittelprodukte (Snacks, Schokolade, etc.), Kapseln, Pillen und Pulver erhältlich sind.

Nach den Ergebnissen zahlreicher Studien gibt es weit über 400 probiotische Stämme in unserem Körper. Einige dieser Probiotika sind ständige „Bewohner“, und andere nur vorübergehende. Interessant ist, dass nur 20 Stämme für 75 Prozent der Masse von Bakterien, die in unserem Körper leben verantwortlich sind.

Eine Vielzahl verschiedener Stämme von Probiotika sind bisher zur Behandlung des Reizdarmsyndroms untersucht worden, wobei die am häufigsten verwendeten Organismen Lactobazillen und Bifidobakterien sind. Mehrere klinische Studien haben die Wirksamkeit von Probiotika bei Patienten mit Reizdarmsyndrom bewertet. Im allgemeinen können Probiotika für Patienten mit verschiedenen Arten des Reizdarmsyndroms (je nachdem, ob Durchfall, Verstopfung oder wechselnde Stuhlunregelmäßigkeiten im Vordergrund stehen) verwendet werden (12).

In Deutschland wird die Prävalenz des Reizdarmsyndroms mit 15 bis 22 Prozent angegeben (4). Nur etwa 20 Prozent der Betroffenen mit Reizdarmsyndrom suchen einen Arzt auf, abhängig von der Schwere der Symptome und der Einschränkung der Lebensqualität.



Wirkmechanismus von Probiotika

Der genaue Wirkungsmechanismus von Probiotika beim Reizdarmsyndrom ist nicht bekannt. Es wird angenommen, dass Entzündungsprozesse oder ein Missverhältnis einzelner Bakterienarten der Magen-Darm-Bakterienflora eine Rolle in der Pathogenese des Reizdarmsyndroms spielen. Die Probiotika-Theorie besagt, dass die probiotische Ergänzung der Magen-Darm-Flora mit der richtigen Art und Menge an lebenden Mikroorganismen die Darmflora verbessern und damit die Gesundheit fördern können. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte Stämme von Probiotika entzündungshemmende Reaktionen stimulieren und eine viszerale Hypersensitivität vermindern, die theoretisch zu einer Verbesserung der Symptome des Reizdarmsyndroms führen könnte (12).


Studien zur Wirksamkeit von Probiotika bei Reizdarmsyndrom

Die Studienlage zum Nachweis der Wirksamkeit zur Behandlung des Reizdarmsyndroms mit Probiotika ist nicht einheitlich, bedingt durch die Heterogenität der Studien und die zahlreichen unterschiedlichen Probiotika. Äußerst schwierig gestaltet sich eine Zusammenfassung dieser Studien aufgrund der Unterschiede in Studiendesign, Patientengruppen, Dosierungsschemata, verwendeter probiotischer Spezies und differierender klinischer Endpunkte.

Unabhängig von diesen Einschränkungen wurde in der Mehrzahl der jüngsten Übersichtsarbeiten und Metaanalysen festgestellt, dass Probiotika bei Patienten mit Reizdarmsyndrom wirksam sind. Eine systematische Analyse der Daten aus 10 gepoolten randomisierten, kontrollierte Studien (RCT) mit 918 Patienten mit Reizdarmsyndrom zeigte einen signifikanten Vorteil für Probiotika vs. Placebo bei der Verringerung der Reizdarm-Symptome, der Verminderung von Schmerzen und Blähungen (8). Eine weitere Übersichtsarbeit zu 14 randomisierten kontrollierten Studien zeigte eine moderate Verbesserung der Gesamt-Symptome, Bauchschmerzen und Blähungen bei Patienten, die Probiotika im Vergleich zu Placebo erhalten hatten (5). Eine neuere, 2014 veröffentlichte Metaanalyse und eine weitere Übersichtsarbeit bestätigen diese Ergebnisse (1, 3). Die Autoren der Metaanalyse kommen zu dem Schluss, dass Probiotika positive Auswirkungen auf den globalen Symptom-Score, auf Bauchschmerzen, Völlegefühl und Flatulenz haben. Probiotika seien eine wirksame Behandlung des Reizdarmsyndroms, obwohl weiterhin unklar bleibt, welcher Bakterienstamm die meisten Vorteile für die Patienten aufweist (3).
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Studien Update 2014

Eine erst kürzlich publizierte Placebo-kontrollierte Studien an 49 Patienten mit Reizdarmsyndrom konnte nach 4 Wochen zweimal täglicher Einnahme einer Probiotika-Mischung aus Bifidobacterium longum, B. bifidum, B. lactis, Lactobacillus acidophilus, L. rhamnosus und Streptococcus thermophilus eine substanzielle Besserung der Beschwerden im Vergleich zur Placebogruppe nachweisen (Responderrate: 68 vs. 37,5 %, p < 0,05)(14).

In einer 12-wöchigen Studie an 186 Patienten wurde die Wirksamkeit einer Probiotika-Zubereitung aus 4 Bakterienstämmen (L. rhamnosus, E. faecium, L. acidophilus, und L. plantarum) untersucht. Auch für diese probiotische Mischung konnte eine statistisch signifikante Verbesserung der Gesamtsymptome im Vergleich zu Placebo nachgewiesen werden (10). 

Eine zu kurze Anwendungsdauer (< 4 Wochen) und die Einnahme nach dem Essen können Gründe für negative Studienergebnisse sein (9).



Welche Bakterienstämme sind wirksam, welche sind unwirksam?

Zur Frage, welche Probiotika besonders wirksam bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms sind, konnte eine kürzlich erschienene Übersichtsarbeit wesentliche Informationen beitragen (2): Zwei Arten von Probiotika erhielten eine hohe Bewertung für die Wirksamkeit (Stufe "B": basierend auf positiven, kontrollierten Studien und trotz des Vorliegens einiger negativer Studien). Die Empfehlungen beziehen sich auf das Bifidobacterium infantis 35624 und auf das Produkt VSL#3, einer Mischung aus 8 verschiedenen Bakterienarten (11). Eine neuere Studie bewertet zudem das Bakterium Bifidobacterium bifidum MIMBb75 positiv (2).

Als nicht wirksamer als Placebo erwies sich in einer Placebo-kontrollierten Studie mit einer Behandlungsdauer von 6 Monaten eine Probiotika-Zubereitung aus Lactobacillus paracasei ssp paracasei F19, Lactobacillus acidophilus La5 und Bifidobacterium Bb12 (15).

Sehr widersprüchliche Studienergebnisse liegen zum Probiotikum Lactobacillus plantarum vor. Neben zahlreichen Studien mit positiven Ergebnissen findet sich auch eine aktuelle Studie mit negativen Ausgang: Als nicht wirksam in Bezug auf die abdominellen Schmerzen und die Lebensqualität hat sich in einer 8-wöchigen Studie das Probiotikum Lactobacillus plantarum 299 erwiesen (11).

Folgende Probiotika-Stämme wurden in kontrollierten klinischen Studien als wirksam zur Behandlung von Symptomen des Reizdarmsyndroms bewertet (7):

• Bifidobacterium animalis ssp. lactis DN-173010
• Bifidobacterium infantis
• Bifidobacterium bifidum MIMBb75
• Lactobacillus casei Shirota
• (Lactobacillus plantarum)
• E. coli-DSM17252
• Lactobacillus rhamnosus
• E. coli Stamm Nissle 1917



Empfehlungen zur Anwendung von Probiotika abgeleitet aus publizierten Studiendaten (6)

• Spezifischen Probiotika werden eine wichtige Rolle bei der Behandlung von einzelnen Symptomen des Reizdarmsyndroms zugeschrieben.

• Probiotika können auch als Ergänzung zur konventionellen Behandlung verwendet werden.

• Spezifische Probiotika vermindern die Ausprägung der Symptome bei einigen, nicht allen Patienten mit Reizdarmsyndrom.

• Ausgewählte Probiotika tragen dazu bei, die Bauchschmerzen bei einigen Patienten mit Reizdarmsyndrom zu lindern.

• Spezifische Probiotika helfen Völlegefühl und Spannungsgefühl bei einigen Patienten mit Reizdarmsyndrom zu reduzieren.

• Die Mehrzahl der bisher getesteten Probiotika trägt nicht wesentlich dazu bei, Blähungen bei Patienten mit Reizdarmsyndrom zu vermindern.

• Die bisher untersuchten Probiotika scheinen den Durchfall bei Patienten mit Reizdarmsyndrom nicht wesentlich zu bessern.

• Es liegen nur wenige Hinweise vor, dass spezifische Probiotika zur Verringerung der Verstopfung beim Reizdarmsyndrom beitragen.

• Mit spezifischen Probiotika konnte eine Abnahme von Symptomen gezeigt werden, die zu einer Verbesserung ausgewählter Aspekte der gesundheitsbezogenen Lebensqualität führte.

• Keine der bisher untersuchten Probiotika lindert die gesamte Palette der Symptome beim Reizdarmsyndrom.

• Probiotische Stämme sollten auf der Grundlage der Patienten-Symptome und der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz ausgewählt werden.



Dosierung und Anwendungsdauer

Wenn eine probiotische Therapie bei chronischen Magen-Darm-Problemen angewendet wird, ist es von entscheidender Bedeutung, dass das Produkt in ausreichender Dosierung regelmäßig für einen angemessenen Zeitraum von mindestens einem Monat eingenommen wird (kurz vor einer Mahlzeit). Es sei denn sie werden aus irgendeinem Grund nicht toleriert. Der regelmäßige Verzehr ist wichtig, weil sich probiotische Stämme in der Regel nur vorübergehend ansiedeln und im Allgemeinen innerhalb weniger Tage wieder ausgewaschen werden, obwohl auch hier Stamm-spezifische Unterschiede bestehen (6). Es ist interessant festzustellen, dass bisher keine Studie zeigen konnte, dass von außen zugeführte probiotische Stämme im Körper für mehr als zwei Wochen nachweisbar sind.


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Sicherheit und Verträglichkeit von Probiotika

Insgesamt zeigte sich für oral angewendete Probiotika in den bisher veröffentlichten Studien ein günstiges Sicherheitsprofil; in der Mehrzahl der Studien fand sich kein Unterschied in der Sicherheit zwischen Probiotika und Placebo. In keiner der Studien konnten signifikante Nebenwirkungen unter der probiotischen Behandlung identifiziert werden. Nebenwirkungen sind in der Regel minimal, nur Patienten mit einer gestörten Immunabwehr muss von einer Probiotika-Anwendung abgeraten werden.



Fazit

Bisher sind mehr als dreißig kontrollierte klinische Studien zur Wirksamkeit von Probiotika beim Reizdarmsyndrom publiziert worden, wobei sich in etwa zwei Drittel dieser Studien Hinweise auf eine Verbesserung der Symptome zeigen. Allerdings scheinen nicht alle Probiotika wirksam zu sein. Zudem werden einzelne Symptome durch unterschiedliche Stämme gebessert, einige Probiotika verbessern die Symptome mehr als andere. Folglich ist bisher das ideale Probiotikum zur Behandlung des Reizdarmsyndroms noch nicht gefunden.

Insgesamt unterstützen die Ergebnisse einer Vielzahl Placebo-kontrollierter Studien mit einem hohen Evidenzgrad die Anwendung von spezifischen Probiotika zu Linderung von Symptomen und Schmerzen bei Patienten mit Reizdarmsyndrom.


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Literatur / Quellennachweis

1. Cash BD. Emerging role of probiotics and antimicrobials in the management of irritable bowel syndrome. Current Medical Research and Opinion 2014, 30(7):1405-1415.
2. Floch MH, Walker WA, Madsen K, Sanders ME, Macfarlane GT, Flint HJ, Dieleman LA, Ringel Y, Guandalini S, Kelly CP, et al. Recommendations for probiotic use-2011 update. J Clin Gastroenterol. 2011;45 Suppl:S168–S171.
3. Ford AC, Quigley EM, Lacy BE, Lembo AJ, Saito YA, Schiller LR, Soffer EE, Spiegel BM, Moayyedi P. Efficacy of Prebiotics, Probiotics, and Synbiotics in Irritable Bowel Syndrome and Chronic Idiopathic Constipation: Systematic Review and Meta-analysis. Am J Gastroenterol. 2014 Oct;109(10):1547-1561.
4. Hotz, J. Das Reizdarmsyndrom: Definition, Diagnosesicherung, Pathophysiologie und Therapiemöglichkeiten. Dt Ärztebl 2000; 97: A 3263–3270 Heft 48.
5. Hoveyda N, Heneghan C, Mahtani KR, Perera R, Roberts N, Glasziou P. A systematic review and meta-analysis: probiotics in the treatment of irritable bowel syndrome. BMC Gastroenterol. 2009;9:15.
6. Hungin AP, Mulligan C, Pot B, Whorwell P, Agréus L, Fracasso P, Lionis C, Mendive J, Philippart de Foy JM, Rubin G, Winchester C, de Wit N; European Society for Primary Care Gastroenterology. Systematic review: probiotics in the management of lower gastrointestinal symptoms in clinical practice -- an evidence-based international guide. Aliment Pharmacol Ther. 2013 Oct;38(8):864-86.
7. Layer P et al. S3-Leitlinie zur Definition des Reizdarmsyndroms, Z Gastroenterol 2011; 49: 237–293
8. Moayyedi P, Ford AC, Talley NJ, Cremonini F, Foxx-Orenstein AE, Brandt LJ, Quigley EM. The efficacy of probiotics in the treatment of irritable bowel syndrome: a systematic review. Gut. 2010;59:325–332.
9. Shavakhi A, Minakari M, Farzamnia S, Peykar MS, Taghipour G, Tayebi A, Hashemi H, Shavakhi S. The effects of multi-strain probiotic compound on symptoms and quality-of-life in patients with irritable bowel syndrome: A randomized placebo-controlled trial. Advanced Biomedical Research 2014, 3:140.
10. Sisson G, Ayis S, Sherwood RA, Bjarnason I. Randomised clinical trial: A liquid multi-strain probiotic vs. placebo in the irritable bowel syndrome--a 12 week double-blind study. Alimentary Pharmacology & Therapeutics 2014, 40(1):51-62.
11. Stevenson C, Blaauw R, Fredericks E, Visser J, Roux S. Randomized clinical trial: effect of Lactobacillus plantarum 299 v on symptoms of irritable bowel syndrome. Nutrition. 2014 Oct;30(10):1151-7.
12. Wall GC, Bryant GA, Bottenberg MM, Maki ED, Miesner AR. Irritable bowel syndrome: a concise review of current treatment concepts. World J Gastroenterol. 2014 Jul 21;20(27):8796-806.
13. Wong RK, Yang C, Song GH, Wong J, Ho KY. Melatonin Regulation as a Possible Mechanism for Probiotic (VSL#3) in Irritable Bowel Syndrome: A Randomized Double-Blinded Placebo Study. Digestive Diseases and Sciences 2014 Aug 5. [Epub ahead of print]
14. Yoon JS, Sohn W, Lee OY, Lee SP, Lee KN, Jun DW, Lee HL, Yoon BC, Choi HS, Chung WS, Seo JG. Effect of multispecies probiotics on irritable bowel syndrome: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Journal of Gastroenterology and Hepatology 2014, 29(1):52-59.
15. Begtrup LM, de Muckadell OB, Kjeldsen J, Christensen RD, Jarbøl DE. Long-term treatment with probiotics in primary care patients with irritable bowel syndrome--a randomised, double-blind, placebo controlled trial. Scandinavian Journal of Gastroenterology 2013, 48(10):1127-1135.

 

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