Ginkgo biloba – Update zur Wirksamkeit 2013

 

Ginkgo biloba - welche Wirkungen sind belegt?

  • Wirkt Ginkgo biloba bei Gedächtnisstörungen?
  • Kann die regelmäßige Einnahme von Ginkgo-Extrakt der Alzheimer-Erkrankung vorbeugen?
  • Ist Ginkgo bei der Behandlung von Tinnitus wirksam? 

Hintergrund

Ginkgo biloba ist eine aus China stammende, heute weltweit angepflanzte Baumart. Medizinische Verwendung finden Spezialextrakte aus den Ginkgo-Blättern.

In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage unter 1672 Senioren (Alter: 60 - 94 Jahre), die an deutschen Universitäten Vorlesungen besuchten, zeigt sich der gegenwärtige Wissensstand zur Wirksamkeit von Ginkgo biloba (25). Zwei Drittel der Befragten glaubten an die Wirksamkeit von Ginkgo zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit und zur Behandlung von Gedächtnisschwäche. Ein Drittel glauben zudem, dass Ginkgo bei der Vorbeugung einer Demenz wirksam sei (Franke AG et al. 2013).

Wirksame Inhaltsstoffe

Als wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoffe gelten Trilactone und Flavonoide (Ude C et al. 2013). Tierexperimentelle Untersuchungen belegen, dass diese Wirkstoffe auch die Blut-Hirn-Schranke überwinden können und damit die Voraussetzung für eine Wirkung im Zentralen Nervensystem gegeben sind (26).

Ginkgo biloba zur Prävention der Alzheimer-Erkrankung

In einer Placebo-kontrollierten Langzeit-Untersuchung wurde geprüft, ob die tägliche Einnahme von 2x 120 mg Ginkgo-biloba-Extrakt (EGb 761) zur Vorbeugung der Alzheimer-Erkrankung wirksam ist (Vellas 2012). In dieser französischen Studie wurden insgesamt 2854 Patienten im Alter von über 70 Jahren und zuvor bestehenden subjektiven Gedächtnisstörungen über 5 Jahre beobachtet, ob sich ein M. Alzheimer entwickelt. In dieser Zeit entwickelten 61 Patienten der Ginkgo-Gruppe und 73 Patienten der Placebo-Gruppe einen M. Alzheimer. Dieser Unterschied war nicht statistisch signifikant. Auch die Zahl der Todesfälle und die Häufigkeit von Schlaganfällen oder anderen kardiovaskulären Ereignissen waren nicht signifikant verschieden zwischen den Gruppen. Die Autoren schlussfolgerten dementsprechend auch, dass Ginkgo biloba das Risiko für das Fortschreiten einer altersbedingten Gedächtnisstörung zur Alzheimer Erkrankung nicht vermindert (Vellas 2012).

Ginkgo biloba bei Claudicatio intermittens und peripherer arterieller Verschlusskrankheit

Eine kürzlich erschienene Cochrane-Übersichtsarbeit kommt nach der Bewertung von 11 Placebo-kontrollierten Studien mit zusammen 739 Patienten zu dem Ergebnis, dass die durchschnittlich erreichte Verlängerung der Gehstrecke um 64,5 m nach einer Behandlung mit Ginkgo keine klinisch signifikante Verbesserung darstelle (Nicolai 2013).

Ginkgo biloba zur Vorbeugung einer Makular-Degeneration

Von der Cochrane Collaboration wurde eine Metaanalyse zur Wirksamkeit von Ginkgo biloba bei der altersbedingten Makular-Degeneration veröffentlicht (Evans 2013). Geprüft wurde die Frage, ob Ginkgo biloba das Fortschreiten einer Makular-Degeneration verlangsamen oder sogar verhindern kann. In die Auswertung flossen die Daten von zwei Placebo-kontrollierten Studien mit zusammen 119 Patienten ein. In einer französischen Untersuchung wurden 20 Patienten mit 2x 80 mg Ginkgo biloba Extrakt (EGb 761) behandelt, in einer Studie aus Deutschland wurden 99 Patienten entweder mit einer Dosierung von 240 mg oder 60 mg pro Tag über einen Zeitraum von 6 Monaten therapiert. Als Ergebnis wurde in beiden Studien eine Verbesserung beim Sehen in der Ginkgo-Gruppe am Ende der Behandlungsphase beobachtet. Inwieweit die beobachteten Effekte zu einem verlangsamten Fortschreiten der Makular-Degeneration beitragen, konnte aus den vorliegenden Daten nicht beantwortet werden (Evans 2013).

Verbesserung der Neuroplastizität

Als Neuroplastizität wird die Fähigkeit zur strukturellen Anpassung von Synapsen im Gehirn als eine Antwort auf funktionelle Anforderung bezeichnet. Die Neuroplastizität ist bei der Alzheimer-Krankheit im besonderen Maße beeinträchtigt. Präklinische Untersuchungen belegen, dass Ginkgo biloba nahezu alle Aspekte einer Neuroplastizität verbessert (Müller 2012).

Ginkgo biloba bei Multipler Sklerose

Auch Patienten mit Multipler Sklerose weisen in fortgeschrittenem Krankheitsstadium Gedächtnisstörungen auf. In einer 12-wöchigen Untersuchung an 120 MS-Patienten wurde geprüft, ob die zweimal tägliche Gabe von 120 mg Ginkgo biloba Extrakt die Gedächtnisleistung verbessern kann. Im Vergleich zur Placebo-Gabe zeigte sich am Ende der Behandlung keine signifikante Wirkung von Ginkgo auf die Gedächtnisleistung (Lovera 2012).

Ginkgo biloba bei Tinnitus

In einer Vergleichsstudie wurde geprüft, ob eine dreiwöchige Behandlung mit Ginko biloba oder Clonazepam die Symptome bei Tinnitus-Patienten verbessert (Han 2012). In einem Cross-over-Design erhielten 27 Patienten nacheinander beide Behandlungen, unterbrochen durch eine 2-wöchige Washout-Phase. Beim Vergleich beider Medikamente zeigte sich im Vorher-Nachher-Vergleich nur für Clonazepam, nicht aber für Ginkgo, eine signifikante Verbesserung bei verschiedenen Tinnitus-Symptomen. Die Studienautoren schlussfolgerten dementsprechend auch, dass Ginkgo biloba zur Behandlung des Tinnitus unwirksam sei.

Ein aktueller Cochrane-Review (2013) kommt nach Bewertung von 4 Studien mit insgesamt 1543 Patienten mit Tinnitus-Symptomen zu dem Ergebnis, dass Ginkgo in dieser Indikation nicht wirksam sei.

Trotz der widersprüchlichen Studienlage zur Wirksamkeit von Ginkgo biloba erhielt das Präparat „Tebonin 120 mg bei Ohrgeräuschen“ im April 2013 in Deutschland die Zulassung als Arzneimittel zur Behandlung von Tinnitus.

Ginkgo biloba zur Behandlung der Schizophrenie

Eine italienische Übersichtsarbeit zur Wirksamkeit von Ginkgo biloba bei Patienten mit Schizophrenie kommt nach der Analyse von drei randomisierten kontrollierten Studien zu dem Schluss, dass Ginkgo die positiven Symptome einer Schizophrenie bessert, während die Negativ-Symptome nicht auf eine Ginkgo-Behandlung ansprechen. Die Autoren befürworten auf Basis dieser Daten die Anwendung von Ginkgo biloba zur unterstützenden Therapie der Schizophrenie (Brondino 2013).

Ginkgo biloba bei diabetischer Nephropathie

Auch zur Fragestellung, ob die regelmäßige Einnahme von Ginkgo biloba sich günstig auf die Entwicklung einer Nierenschädigung infolge eines Diabetes mellitus auswirkt, wurde kürzlich eine Übersichtsarbeit veröffentlicht (Zhang 2013). In dieser Analyse wurden die Ergebnisse von insgesamt 16 Studien berücksichtigt. Auch wenn die zugrundeliegenden Studien von geringer methodischer Qualität waren, schließen die Autoren auf eine mögliche Wirksamkeit von Ginkgo, um das Fortschreiten der diabetischen Nierenschäden zu bremsen. Den Daten zufolge vermindert die Ginkgo-Behandlung die Albumin-Ausscheidung über die Niere, senkt die Nüchtern-Blutzuckerspiegel, sowie die Kreatinin- und Harnstoffspiegel im Blut (Zhang 2013).

Verträglichkeit

Aufgrund tierexperimenteller Untersuchungsergebnisse steht die Unbedenklichkeit von Ginkgo biloba in Frage. In Untersuchungen an Nagern wurden u.a. Veränderungen an Leber und Schilddrüse beobachtet. Gegenwärtig laufen durch die amerikanische Gesundheitsbehörde veranlasste Untersuchungen , um ein mögliches Krebsrisiko von Ginkgo zu bewerten (Chan 2013).

Fazit

Neuere Studiendaten lassen es als sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass eine vorbeugende Einnahme von Ginkgo biloba bei Personen mit Gedächtnisstörungen das Alzheimer-Risiko vermindert. Auch wenn sich einzelne kognitive Funktionen durch eine Behandlung mit Ginkgo günstig beeinflussen lassen, fehlen doch weiterhin überzeugende Belege für die Wirksamkeit von Ginkgo biloba bei einer Demenz. Auch eine unterstützende Behandlung bei Multipler Sklerose zur Verbesserung der Gedächtnisleistung kann auf Basis der bisher publizierten Daten nicht empfohlen werden. Erste klinische Daten deuten darauf hin, dass durch eine Ginkgo-Behandlung möglicherweise eine Makular-Degeneration positiv beeinflusst wird. Aufgrund der widersprüchlicher Studienergebnisse ist eine abschließende Bewertung zur Wirksamkeit von Ginkgo beim Tinnitus derzeit nicht möglich. Patienten mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit profitieren nicht wesentlich von einer Ginkgo-Behandlung.


Link: Ginkgo biloba zur Behandlung von Angststörungen

Link: Ginkgo biloba – Update zur Wirksamkeit

Literatur


Han SS, Nam EC, Won JY, Lee KU, Chun W, Choi HK, Levine RA. Clonazepam quiets tinnitus: a randomised crossover study with Ginkgo biloba. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2012 Aug;83(8):821-7.

Vellas B, Coley N, Ousset PJ, et al; GuidAge Study Group. Long-term use of standardised Ginkgo biloba extract for the prevention of Alzheimer's disease (GuidAge): a randomised placebo-controlled trial. Lancet Neurol. 2012 Oct;11(10):851-9.

Evans JR. Ginkgo biloba extract for age-related macular degeneration. Cochrane Database Syst Rev. 2013 Jan 31;1:CD001775.

Müller WE, Heiser J, Leuner K. Effects of the standardized Ginkgo biloba extract EGb 761® on neuroplasticity. Int Psychogeriatr. 2012 Aug;24 Suppl 1:S21-4.

Lovera JF, Kim E, et al. Ginkgo biloba does not improve cognitive function in MS: a randomized placebo-controlled trial. Neurology. 2012 Sep 18;79(12):1278-84.


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