Naturheilmittel beim Diabetes – Wirksam oder unwirksam?


 

Pflanzliche Arzneimittel mit positivem Einfluss auf den Diabetes mellitus




Ginseng 
 
Obwohl sich die asiatische Medizin schon seit tausenden von Jahren mit Ginseng beschäftigt, hat die Verwendung von Ginseng als pflanzliches Arzneimittel erst in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Ginseng gehört zur Gattung Panax, die aufgrund ihrer geographischen Herkunft in nordamerikanischen Ginseng (Panax quinquefolius) und asiatischen Ginseng (Panax Ginseng) unterteilt wird.



Ginseng wurde in Studien bei Diabetes-Patienten mit zwei unterschiedlichen Zielen geprüft: Zum einen wurde untersucht, ob sich Blutzucker- und Insulin-Spiegel unter einer begleitenden Behandlung mit Ginseng günstig beeinflussen lassen und zum anderen wurde geprüft, ob sich langfristige Folgeschäden der Zuckerkrankheit an den Augen, am Herzen und an den Nieren durch eine Ginseng-Gabe verhindern lassen.

Mehreren Übersichtsarbeiten zufolge sind die Belege für die Wirksamkeit von Ginseng für eine verbesserte Blutzuckerkontrolle bei Patienten mit einem Typ-2-Diabetes uneinheitlich (15, 16, 25). Während tierexperimentelle Studien konsistent einen blutzuckersenkenden Effekt belegen, konnte in einer Placebo-kontrollierten Untersuchung beim Menschen kein signifikanter Effekt von Ginseng auf den Nüchtern-Blutzuckerspiegel nachgewiesen werden.



Möglicherweise kann die Einnahme von Ginseng Folgeerkrankungen des Diabetes vorbeugen.  Erste Untersuchungen geben einen Hinweis, dass die durch den Diabetes induzierten Schäden an den Augen (Retinopathie) und am Herzen (Kardiomyopathie) durch Ginseng vermindert werden könnten (27). Als mögliche Wirkmechanismen werden die Hemmung von oxidativem Stress und eine blutzuckersenkende Wirkung durch Ginseng diskutiert. Die gleiche Arbeitsgruppe veröffentlichte weitere Daten, wonach Ginseng möglicherweise auch die durch den Diabetes ausgelösten Spätschäden an der Niere (z.B. Albuminurie) verhindern könnte (26). Die Autoren schlussfolgerten, dass nordamerikanischer Ginseng eine vorbeugende Wirkung auf die diabetische Nephropathie haben könnte.




Coenzym Q10 


Coenzym Q10 ist eine körpereigene Substanz, die zudem über die Nahrung aufgenommen wird. Als Bestandteil der Atmungskette ist Coenzym Q10 essenziell z.B. für die Energiebereitstellung in den Mitochondrien (den „Kraftwerken“ der Zelle). Hohe Q10-Konzentrationen finden sich in Organen wie Herz, Leber oder Lunge. 

Für Coenzym Q10 sind in der Literatur eine Reihe von positiven Einflüssen auf den Diabetes beschrieben:

  • Coenzym Q10 verbessert, ergänzend zur medikamentösen antidiabetischen Therapie gegeben, die Blutzuckerkontrolle, u.a. über eine Erhöhung der Insulin-Sekretion (20). 
  • Q10 reduziert bei Typ-1-Diabetikern die HBA1c-Konzentration und vermindert eine Hyperglykämie. Es reduziert eine Lipidperoxidation und hat positive Wirkungen auf das antioxidative System (10). 

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Passionsblumen-Extrakt


Extrakte aus Passionsblumen (Passiflora incarnata) wurden über Jahrhunderte zur Behandlung von Angststörungen eingesetzt. Als pflanzliches Arzneimittel ist Passiflora incarnata in Deutschland zur Therapie von nervösen Unruhezuständen zugelassen.



Erste tierexperimentelle Untersuchungen weisen darüber hinaus auf eine mögliche Wirksamkeit von Passionsblumen-Extrakt  (Passiflora incarnata) beim Diabetes mellitus hin (12). In diesen Untersuchungen wurden eine blutzuckersenkende Wirkung, eine verbesserte Glukosetoleranz und ein positiver Einfluss auf das Lipidprofil unter Passionsblumen-Extrakten beschrieben.




Alpha-Liponsäure 


Alpha-Liponsäure ist eine körpereigene, vitaminähnliche Substanz. Die Liponsäure ist ein Naturstoff, die als Coenzym wichtige Aufgaben in den Mitochondrien fast aller Eukaryoten wahrnimmt. Alpha-Liponsäure neutralisiert freie Radikale und gilt als ein sehr wirkungsvolles Antioxidans.

Alpha-Liponsäure hat keinen Einfluss auf den gestörten Glukosestoffwechsel beim Diabetes, kann aber Spätfolgen des Diabetes, wie z.B. eine Polyneuropathie, vermindern.

Unter einer diabetischen Neuropathie versteht man eine Erkrankung, die im Rahmen des Diabetes mellitus auftritt. Aufgrund erhöhter Blutzuckerspiegel kann langfristig das periphere Nervensystem geschädigt werden. Die Patienten berichten über eine fehlende sensorische Wahrnehmung oder über Gefühlsstörungen wie Brennen, Kribbeln und Ameisenlaufen.



Die Behandlung mit Alpha-Liponsäure in einer Dosierung von 600 mg i.v., täglich für 3 Wochen, stellt eine gut verträgliche und wirksame Therapie der peripheren sensomotorischen Polyneuropathie bei Diabetes-Patienten dar (19). Auch die orale Gabe von 600 mg Alpha-Liponsäure täglich für Wochen bis Monate verabreicht, kann sich positiv auf die Symptome einer peripheren Neuropathie auswirken. Der langfristige Verlauf der Polyneuropathie lässt sich allerdings durch eine Alpha-Liponsäure-Therapie wahrscheinlich nicht wesentlich beeinflussen (33).




Spurenelement Chrom 


Chrom ist ein essenzielles Spurenelement mit einer Vielzahl von Wirkungen im menschlichen Körper. Besonders für den Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel hat Chrom eine hohe Bedeutung. Es gilt als belegt, dass ein Mangel an Chrom zu einer Insulin-Resistenz und einem Diabetes führen kann (23). Ein ernährungsbedingter Chrommangel gilt in Deutschland jedoch als sehr unwahrscheinlich.



Eine im Jahr 2010 erschienene Übersichtsarbeit kommt zu dem Ergebnis, dass eine Chrom-Supplementation zur Verbesserung des Glukosestoffwechsels bei Patienten mit einem nachgewiesenen Chrommangel gerechtfertigt sei (31). Die Studienlage zur Wirksamkeit von Chrom beim Diabetes ist nicht einheitlich. Es gibt neben positiven Studienergebnissen auch Studien, die keine Wirkung einer Chromgabe beim Diabetes zeigen. Es liegen Hinweise vor, dass möglicherweise Patienten mit einem Typ-2-Diabetes und deutlich erhöhten Nüchtern-Blutzucker- und HbA1c-Spiegeln von einer Chrom-Supplementation profitieren könnten.




Zimt 


Zimt weist einen blutzuckersenkenden Effekt bei Patienten mit einem Typ-II-Diabetes auf (7, 29). Die Abnahme der Nüchtern-Blutzuckerspiegel unter Zimt ist allerdings im Vergleich zur medikamentösen Therapie mit Metformin eher gering ausgeprägt. Folglich ist Zimt zur alleinigen Therapie eines Diabetes mellitus Typ 2 ungeeignet. Bei Diabetes-Patienten, deren Stoffwechseleinstellung trotz adäquater Therapie nicht zufriedenstellend ist, kann eine Zimt-Gabe zu einer weiteren Senkung der Blutzuckerspiegel beitragen.




Vitamin D


Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass ein Vitamin-D-Mangel einen wichtigen Einfluss auf die Pathogenese des Diabetes mellitus Typ 2 hat. Ein Vitamin-D-Mangel (25-OH-D: ≤ 20 ng/ml) beschleunigt die Progression eines Prädiabetes zum manifesten Typ-2-Diabetes (8). Von einer Vitamin-D-Supplementierung profitieren insbesondere Diabetes-Patienten mit einem ausgeprägten Vitamin-D-Mangel. Der anzustrebende Vitamin-D-Spiegel sollte bei 75 – 150 nmol/l liegen. Epidemiologische Untersuchungen zeigen einen Zusammenhang zwischen der Höhe der Vitamin-D-Serumspiegel und der Insulinsensitivität bei Diabetes-Patienten (1). Zur Frage, ob eine Vitamin-D-Gabe sich positiv auf die Insulinsensitivität auswirkt, liegen erste Studienergebnisse vor. In einer Untersuchung an Frauen mit einer Insulinresistenz und einem gleichzeitigen Vitamin-D-Mangel konnte unter der täglichen Einnahme von 4.000 IE. Vitamin D eine signifikante Verbesserung der Insulinresistenz dokumentiert werden (30). In einer Placebo-kontrollierten Studie besserte sich die Insulinresistenz nach Korrektur einer unzureichenden Vitamin-D-Versorgung bei Patienten mit Adipositas (5). In Deutschland ist insbesondere in den Wintermonaten ein Vitamin-D-Mangel möglich. Eine Vitamin-D-Gabe bei Patienten mit einem erhöhten Diabetes-Risiko oder einem manifesten Diabetes mellitus scheint auf Basis dieser Daten sinnvoll.


Gelée Royale
 

Gelée Royale wird auch als Bienenköniginnen-Futtersaft bezeichnet. Gelée Royale werden gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Die Ergebnisse einer ersten Untersuchung zur Wirkung von Gelée Royale auf den Glukosestoffwechsel lassen es möglich erscheinen, dass Patienten mit einem Diabetes oder Prä-Diabetes von der Gelee-Royale-Anwendung profitieren könnten (22).  In einer Studie einer deutschen Arbeitsgruppe wurde die Wirkung einer Einmal-Gabe von 20 g Gelée Royale auf den Glukosestoffwechsel von 20 gesunden Erwachsenen untersucht. Als Ergebnis konnte ein signifikant verringerter Anstieg der Blutglukose nach einem Glukosetoleranztest (OGTT) dokumentiert werden.  http://www.amazon.de/Ratgeber-Naturheilmittel-Welche-Wirkungen-belegt-ebook/dp/B00GF7TVD4/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1384675506&sr=8-2&keywords=Naturheilmittel+Wirksamkeit




L-Carnitin 


Carnitin, (L-Carnitin), ist eine natürlich vorkommende, körpereigene Verbindung, die aus den Aminosäuren Lysin und Methionin gebildet wird. Carnitin spielt eine wichtige Rolle im Energie- und Fettsäurestoffwechsel.



Zahlreiche Untersuchungen bei Patienten mit einem Diabetes mellitus geben einen Hinweis, dass die zusätzliche tägliche Gabe von L-Carnitin sich insbesondere günstig auf Parameter des Fettstoffwechsels auswirkt (17). Zudem konnte wiederholt dokumentiert werden, dass die tägliche orale Supplementation von L-Carnitin die Insulin-Sensitivität verbessert. Unter der kombinierten Einnahme von Orlistat, einem Wirkstoff zur Behandlung von Übergewicht, mit Carnitin konnten positive Effekte auf das Gesamt-Cholesterin, die Triglycerid-Konzentration und auf den Nüchtern-Blutzuckerspiegel nachgewiesen werden (9). Auch die Gewichtsabnahme war unter der kombinierten Anwendung stärker ausgeprägt als unter der Monotherapie mit Orlistat.



Curcumin 


Kurkuma ist ein Gelbwurzelextrakt und als wesentlicher Bestandteil von Curry-Mischungen bekannt. Curcumin ist der farbgebende Bestandteil der Kurkuma-Pflanze.

Erste klinische Daten deuten darauf hin, dass Curcumin möglicherweise die Entwicklung eines Diabetes mellitus bzw. das Fortschreiten eines Prä-Diabetes verhindern kann (6). 

In einer Placebo-kontrollierten Studie an 240 Patienten wurde geprüft, ob es unter der täglichen Einnahme von Curcumin (1,5 g Curcuminoide) seltener zum Auftreten eines manifesten Diabetes mellitus kommt als unter der Placebo-Gabe. Nach einer Behandlungsdauer von 9 Monaten mit Curcumin konnte bei Patienten mit einer gestörten Glukosetoleranz ein signifikant geringeres Fortschreiten zu einem manifesten Diabetes beobachtet werden. Während 19 Patienten aus der 116 Patienten umfassenden Placebo-Gruppe einen manifesten Diabetes entwickelten, erkrankte kein Patient in der Curcumin-Gruppe (119 Patienten) an einem manifesten Diabetes. 

Vorangehende Untersuchungen hatten gezeigt, dass Curcumin die Beta-Zellfunktion verbessert, möglicherweise durch einen spezifisch entzündungshemmenden Effekt (6). Eine kürzlich veröffentlichte Übersichtsarbeit bestätigte diese entzündungshemmende Wirkung (18). Curcumin kann die durch eine Adipositas induzierte Insulin-Resistenz verzögern bzw. ihr vorbeugen. Auch treten den Daten zufolge die mit der Insulinresistenz einhergehenden Komplikationen wie die Atherosklerose und Lebererkrankungen seltener auf. Weitere Untersuchungen belegen, dass Curcumin auch eine bestehende Insulin-Resistenz bei adipösen Patienten mit Typ-II-Diabetes bessern kann (28).




Flohsamen (Psyllium) 


Flohsamenschalen finden Anwendung zur Behandlung der chronischen Obstipation (Verstopfung). In Untersuchungen bei Patienten mit Diabetes mellitus wurden unter der regelmäßigen Einnahme von Flohsamen (Psyllium) eine Abnahme der mittleren Glukosespiegel im Tagesverlauf, aber auch direkt nach Nahrungsaufnahme beobachtet. Weiterhin wurden niedrigere Insulin- und HbA1C-Spiegel dokumentiert (2, 3, 13). 




Ginkgo biloba 

 


Der Ginkgo oder Ginko (Ginkgo biloba) ist eine aus China stammende, heute weltweit angepflanzte Baumart. Verwendung finden Spezialextrakte aus den Ginkgoblättern. Ginkgo ist eine der am häufigsten verwendeten Heilpflanzen in Europa. Ginkgo biloba wird für eine Vielzahl unterschiedlicher Indikationen angewendet: Ginkgo biloba wird insbesondere bei Gedächtnisschwäche und zur Behandlung einer beginnenden Demenz eingesetzt.



Auch zur Fragestellung, ob die regelmäßige Einnahme von Ginkgo biloba sich günstig auf die Entwicklung einer Nierenschädigung infolge eines Diabetes mellitus auswirkt, wurde kürzlich eine Übersichtsarbeit veröffentlicht (32). In dieser Analyse wurden die Ergebnisse von insgesamt 16 Studien berücksichtigt. Auch wenn die zugrunde liegenden Studien von geringer methodischer Qualität waren, schließen die Autoren auf eine mögliche Wirksamkeit von Ginkgo, um das Fortschreiten der diabetischen Nierenschäden zu bremsen. Den Daten zufolge vermindert die Ginkgo-Behandlung die Albumin-Ausscheidung über die Niere, senkt die Nüchtern-Blutzuckerspiegel sowie die Kreatinin- und Harnstoffspiegel im Blut (32).




Lycopin


Lycopin ist verantwortlich für die rote Farbe von vielen Früchten und Gemüsen, wie z.B. Tomaten. Lycopin ist ein Carotinoid, das strukturell Ähnlichkeit mit dem Beta-Carotin hat. Als Antioxidans schützt Lycopin vor ganz unterschiedlichen Erkrankungen. Seit Jahren kontrovers diskutiert wird die vorbeugende Einnahme von Lycopin, um das Risiko eines Prostata-Karzinoms zu vermindern. Auch die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählt zu den vieldiskutierten Anwendungen von Lycopin.



Ebenfalls von Bedeutung scheint die antidiabetische Wirkung von Lycopin zu sein. Befunde aus tierexperimentellen Untersuchungen am Diabetes-Modell lassen auf eine blutzuckersenkende Wirkung von Lycopin schließen (4).

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Literatur

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Passiflora: Passionsblumen-Extrakt bei Nervosität, Angst und Schlafstörung – Wirksam oder unwirksam?


Schlaflosigkeit aufgrund von Angst, innerer Anspannung und Stress - wirkt Passiflora?



Welche Fragen werden in diesem Beitrag beantwortet?

  • Bei welchen Erkrankungen werden Passionsblumen-Extrakte angewendet?
  • Welche Dosierungen von Passionsblumen-Extrakten werden empfohlen?
  • Wie wirkt Passionsblumen-Extrakt?
  • Ist die Wirksamkeit von Passiflora durch überzeugende Studiendaten belegt?
  • Welche Nebenwirkungen sind unter der Einnahme von Passionsblumen-Extrakten möglich?


Hintergrund

Passiflora incarnata ist eine in den südöstlichen USA heimische Pflanzenart, die zu der über 530 Arten umfassenden Familie der Passionsblumengewächse gehört. Die meisten der Passiflora-Arten stammen aus Nord-, Mittel- und Südamerika.

Extrakte aus Passionsblumen oder Passiflora incarnata wurden über Jahrhunderte zur Behandlung von Angststörungen insbesondere in Südamerika und später auch in Nordamerika und Europa angewandt (1). Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte sich die medizinische Anwendung von Passiflora offensichtlich soweit bewährt, dass Madaus in seinem Lehrbuch der biologischen Heilmittel (1938) ihr eine ausführliche, auf wissenschaftliche Publikationen gestützte Abhandlung widmete, in deren Mittelpunkt vor allem die beruhigende und schlafbringende Wirkung der Heilpflanze stand.


Anwendungsgebiete

Als pflanzliches Arzneimittel ist der Wirkstoff Passionsblumen-Trockenextrakt in Deutschland zur Behandlung von nervösen Unruhezuständen zugelassen.

In der Praxis wird Passiflora incarnata auch bei leichten Einschlafproblemen und nervös bedingten Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt. Der Substanz wird eine gute angstlösende Wirkung zugeschrieben.

Empfohlen werden die Extrakte aus Passionsblumen allgemein gegen Anspannung, Stress und Angst. Passiflora soll positiv auf die nervliche Anspannung infolge von Leistungsdruck wirken. Auch als Mittel gegen Flugangst oder zur Minderung von Prüfungsangst werden Passionsblumen-Extrakte von den Herstellern beworben. Darüber hinaus werden Passionsblumen-Extrakte als Prämedikation vor Operationen zur Linderung von Angst angewendet.

Passionsblumen-Extrakte werden als Monopräparate oder in Kombination mit Baldrian oder Johanniskraut rezeptfrei in Apotheken angeboten (z.B.: Pascoflair®, Kytta-Sedativum®, Hoggar® Balance, Neurapas®, Hyperflorin®, Lioran®).

Link: Das Wesentliche zusammengefasst
– Passiflora kurz und bündig


Dosierung

Zu beachten ist, dass der Gehalt an Passionsblumen-Extrakt in den angebotenen Passionsblumen-Präparaten sehr unterschiedlich sein kann. Beispielsweise sind im Präparat Neurapass® neben Johanniskraut und Baldrian nur 32 mg Passionsblumenkraut Trockenextrakt enthalten. Die Arzneimittel Kytta-Sedativum®, Hoggar® Balance und Pascoflair® enthalten hingegen ausschließlich Passionsblumenkraut-Trockenextrakt als Wirkstoff, und zwar in einer Dosierung von 425 mg pro Tablette. Für diese pflanzlichen Arzneimittel wird die Einnahme von täglich 2 bis 3 Tabletten (Tagesdosis: 850 bis 1275 mg) empfohlen (14). Im Unterschied dazu sind im Arzneimittel Passidon® 260 mg Passionsblumenkraut-Extrakt pro Kapsel enthalten, die empfohlene Tagesdosis liegt für Erwachsene bei 2 x 2 Kapseln.

Lioran® (260 mg Passionsblumen-Trockenextrakt): Empfohlen wird eine Einnahme von 2 Kapseln am Abend vor dem Schlafengehen. Abhängig vom Beschwerdegrad können 1 - 3 Kapseln tagsüber genommen werden. Die Maximaldosis pro Tag beträgt 5 Kapseln.


Wirkmechanismus

Nervöse Unruhe kann auf einen Mangel an GABA (Gamma-Aminobuttersäure) im Gehirn zurückzuführen sein. Passionsblumen-Extrakt entfaltet wahrscheinlich einen Teil seiner Wirkung über den Neurotransmitter (Nervenbotenstoff) GABA. Dessen Wirkung wird durch Passiflora verstärkt. Die wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe der Passionsblume sind bisher nicht vollständig bekannt. Es liegen Hinweise vor, dass Benzoflavon-Verbindungen zu den wichtigsten bioaktiven Bestandteilen von Passiflora incarnata zählen (2).

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Studien zur Wirksamkeit von Passionsblumen-Extrakten

In tierexperimentellen Untersuchungen konnte die angstlösende Wirkung von Passiflora überzeugend dokumentiert werden (1, 2).


Übersichtsarbeiten / Metaanalysen zur Wirksamkeit

In einer Cochrane-Metaanalyse aus dem Jahre 2007 wurden insbesondere zwei Studien, die auf eine Nicht-Unterlegenheit von Passiflora im Vergleich zur Standardtherapie mit Benzodiazepinen hinweisen, analysiert. In ihrem Fazit kamen die Autoren zu dem Schluss, dass zu diesem Zeitpunkt noch zu wenig kontrollierte Studien vorlagen, um die Wirksamkeit von Passiflora zu beurteilen (3).

Wenige Jahre später wurde in einer Übersichtsarbeit geprüft, wie sich eine Nahrungsergänzung mit pflanzlichen Wirkstoffen auf Angsterkrankungen bzw. Störungen des Angsterlebens auswirkt (4). Im Ergebnis bescheinigen die Autoren insbesondere Präparaten, die Passionsblumen-Extrakte enthalten eine mögliche Wirksamkeit zur unterstützenden Behandlung bei Erkrankungen, die mit Angstsymptomen einhergehen. Zu einer ähnlich positiven Schlussfolgerung in Bezug auf Passionsblumen-Extrakte kommt die Arbeitsgruppe um Sarris und Mitarbeiter. Auch sie attestieren Passiflora incarnata eine anxiolytische Wirkung und einen positiven Effekt auf angstbedingte Schlafstörungen (5, 15).


Passiflora bei generalisierten Angststörungen

In einer kontrollierten klinischen Studie an 36 Patienten mit generalisierter Angststörung wurde die Wirkung eines Passionsblumen-Extraktes mit der Wirkung des Benzodiazepins Oxazepam verglichen (6). Der Passionsblumen-Extrakt zeigte nach 7-tägiger Anwendung eine vergleichbare angstmindernde Wirkung wie das Benzodiazepin Oxazepam. Vorteile für den Passionsblumen-Extrakt zeigten sich in einer geringeren Beeinträchtigung im Berufsalltag. Ein schnellerer Wirkeintritt wurde in dieser Studie hingegen für das Oxazepam beschrieben. Die Abnahme der Angstsymptomatik wurde mit Hilfe der Hamilton-Angst-Skala dokumentiert. Der durchschnittliche Wert auf der Hamilton-Angst-Skala sank bei der Behandlung mit Passiflora als auch mit Oxazepam von 20 auf 5, wobei Werte zwischen 18 und 24 auf einen mittelschweren Verlauf hinweisen (6).
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Verminderung von Angst vor Operationen

In einer weiteren doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studie wurde die Wirkung von Passionsblumen-Extrakt auf die Ängstlichkeit vor einer Operation untersucht (7). Etwa 30 Minuten nach Gabe der Medikation konnte ein signifikanter Unterschied in der Ausprägung von Angst zwischen der Placebo- und der Passiflora-Gruppe dokumentiert werden. Passionsblumen-Extrakte könnten demnach als Prämedikation die Angst vor Operationen mindern (7). Bestätigt wurden diese Ergebnisse in einer kürzlich veröffentlichten Placebo-kontrollierten Untersuchung an 60 Patienten, die vor einer Operation eine Spinalanästhesie erhielten. Auch hier zeigte sich durch die Einnahme von Passionsblumen-Extrakt 30 Minuten vor dem Eingriff eine statistisch signifikante Minderung von Angst im Vergleich zur Placebo-Einnahme (8).


Einfluss auf die Schlafqualität

In einer Placebo-kontrollierten Doppelblind-Studie wurde an 41 Erwachsenen mit gering ausgeprägten Schlafstörungen geprüft, ob durch die tägliche Einnahme von Passiflora über einen Zeitraum von einer Woche die Schlafqualität positiv beeinflusst wird (9). In dieser Untersuchung wurde eine Tee-Zubereitung aus Passionsblumen-Extrakt eingesetzt. Ergebnis: Bei der Auswertung der Schlafprotokolle zeigte sich ein signifikanter Vorteil für die Passionsblumen-Gruppe. Unter der Behandlung mit Passiflora besserte sich insbesondere die subjektive Schlafqualität bei den ansonsten gesunden Erwachsenen (9).


Schlafstörungen und Schlafprobleme – weitere interessante Beiträge:

 

Verträglichkeit von Passiflora incarnata

Insgesamt wird die Verträglichkeit von Passionsblumen-Extrakten in klinischen Studien als gut beschrieben. Mögliche Wechselwirkungen mit Benzodiazepinen wie Lorazepam können nicht ausgeschlossen werden. Einem Literaturbericht zufolge kann die gleichzeitige Einnahme von Lorazepam und der Kombination aus Passiflora incarnata und Baldrian-Extrakten zu Symptomen von Übererregbarkeit mit Zittern führen (10). Als Nebenwirkungen wurden in Untersuchungen über allergische Hauterscheinungen (14), Schwindel und Benommenheit berichtet (6). 

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Ausblick

 

Diabetes mellitus

Erste tierexperimentelle Untersuchungen weisen auf eine mögliche Wirkung von Passiflora incarnata beim Diabetes mellitus hin (11). In diesen Untersuchungen wurden eine blutzuckersenkende Wirkung, eine verbesserte Glukosetoleranz und ein positiver Einfluss auf das Lipid-Profil unter Passionsblumen-Extrakten beschrieben.


Depression

Es liegen zudem erste Hinweise vor, dass die kombinierte Anwendung von Passiflora incarnata und Johanniskraut-Extrakten einen synergistischen Effekt auf depressive Symptome haben könnte. Einer Untersuchung zufolge könnte die therapeutisch notwendige Dosis von Johanniskraut zur Behandlung der Depression durch die gleichzeitige Anwendung von Passiflora-Extrakten reduziert werden (12).


Epilepsie

Ein häufiges Symptom nach einem epileptischen Anfall (postiktal) ist eine depressive Verstimmung des Patienten, welche noch Tage nach dem Anfall andauern kann. Erste tierexperimentelle Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine begleitende Behandlung mit Passiflora incarnata diese postiktale Depression günstig beeinflussen kann (16).


Libido

Es ist bekannt, dass ein übermäßiger, chronischer Konsum von Alkohol und Nikotin erhebliche nachteilige Auswirkungen auf die Libido, Fruchtbarkeit und Spermienzahl beim männlichen Geschlecht haben kann. Möglicherweise haben einzelne Wirkstoffe aus der Passionsblume einen positiven Effekt auf den durch übermäßigen Alkohol- und Nikotin-Konsum bedingten Libido-Verlust. Erste tierexperimentelle Untersuchungen deuten auf eine beschleunigte Wiederherstellung der Sexualität bei Ratten nach Beendigung der Zufuhr von Alkohol und Nikotin hin (13).


Offene Fragen

Da bisher die wirksamen Inhaltsstoffe der Passionsblume nur unvollständig bekannt sind, bleibt auch unklar, welcher Teil der Pflanze den größten Anteil an wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffen enthält. Die in Deutschland zugelassenen pflanzlichen Arzneimittel enthalten ausschließlich Passionsblumenkraut-Trockenextrakt. Obwohl in den bisher publizierten Studien nicht standardisierte Passiflora-Extrakte in unterschiedlichen Dosierungen zugrunde lagen, zeigen die Ergebnisse bei der Behandlung von nervösen Unruhezuständen ein übereinstimmend positives Bild. Es kann daher vermutet werden, dass die Wirkstoffe aus Passiflora-Extrakten eine große therapeutische Breite aufweisen.


Fazit

Auf Basis der bisher veröffentlichten Studiendaten können Extrakte der Passionsblume in ausreichend hoher Dosierung als wirksam zur Verminderung von Angst und nervösen Unruhezuständen angesehen werden. In der Mehrzahl der Studien konnte die beruhigende, angstlösende und einschlaffördernde Wirkung von Passionsblumen-Extrakt bestätigt werden. Diese allgemeine Einschätzung wird bestätigt durch Untersuchungen, in denen Passionsblumen-Extrakt als Prämedikation die Angst vor Operationen reduzierte. Bei Angsterkrankungen liegen hingegen zu wenige große, kontrollierte Studien vor, um eine allgemeine Empfehlung zur Anwendung von Passiflora-incarnata-Extrakten aussprechen zu können.

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Literatur


1. Dhawan K, Kumar S, Sharma A. Anti-anxiety studies on extracts of Passiflora incarnata Linneaus. J Ethnopharmacol. 2001 Dec;78(2-3):165-70.

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6. Akhondzadeh S, Naghavi HR, Vazirian M, Shayeganpour A, Rashidi H, Khani M. Passionflower in the treatment of generalized anxiety: a pilot double-blind randomized controlled trial with oxazepam. J Clin Pharm Ther. 2001 Oct;26(5):363-7.

7. Movafegh A, Alizadeh R, Hajimohamadi F, Esfehani F, Nejatfar M. Preoperative oral Passiflora incarnata reduces anxiety in ambulatory surgery patients: a double-blind, placebo-controlled study. Anesth Analg. 2008 Jun;106(6):1728-32.

8. Aslanargun P, Cuvas O, Dikmen B, Aslan E, Yuksel MU. Passiflora incarnata Linneaus as an anxiolytic before spinal anesthesia. J Anesth. 2012 Feb;26(1):39-44.

9. Ngan A, Conduit R. A double-blind, placebo-controlled investigation of the effects of Passiflora incarnata (passionflower) herbal tea on subjective sleep quality. Phytother Res. 2011 Aug;25(8):1153-9.

10. Carrasco MC, Vallejo JR, Pardo-de-Santayana M, Peral D, Martín MA, Altimiras J.

Interactions of Valeriana officinalis L. and Passiflora incarnata L. in a patient treated with lorazepam. Phytother Res. 2009 Dec;23(12):1795-6.

11. Gupta RK, Kumar D, Chaudhary AK, Maithani M, Singh R. Antidiabetic activity of Passiflora incarnata Linn. in streptozotocin-induced diabetes in mice. J Ethnopharmacol. 2012 Feb 15;139(3):801-6.

12. Fiebich BL, Knörle R, Appel K, Kammler T, Weiss G. Pharmacological studies in an herbal drug combination of St. John's Wort (Hypericum perforatum) and passion flower (Passiflora incarnata): in vitro and in vivo evidence of synergy between Hypericum and Passiflora in antidepressant pharmacological models. Fitoterapia. 2011 Apr;82(3):474-80.

13. Dhawan K, Sharma A. Prevention of chronic alcohol and nicotine-induced azospermia, sterility and decreased libido, by a novel tri-substituted benzoflavone moiety from Passiflora incarnata Linneaus in healthy male rats. Life Sci. 2002 Nov 15;71(26):3059-69.

14. Fachinformation Kytta-Sedativum®

15. Sarris J, McIntyre E, Camfield DA. Plant-based medicines for anxiety disorders, part 2: a review of clinical studies with supporting preclinical evidence. CNS Drugs. 2013 Apr;27(4):301-19.

16. Singh B, Singh D, Goel RK. Dual protective effect of Passiflora incarnata in epilepsy and associated post-ictal depression. J Ethnopharmacol. 2012 Jan 6;139(1):273-9.


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Hyaluronsäure zur Behandlung der Kniegelenksarthrose – wirksam oder unwirksam?

 

Wirkt Hyaluronsäure bei Schmerzen im Kniegelenk?



Vermindert Hyaluronsäure langfristig die schmerzhafte Bewegungseinschränkung?



Hintergrund

Hyaluronsäure ist eine im Organismus natürlich vorkommende Substanz. Die Hyaluronsäure ist Hauptbestandteil der Gelenkflüssigkeit (Synovialflüssigkeit) und wirkt als Gleitmittel bei allen Gelenkbewegungen.


Anwendungsgebiet

Hyaluronsäure und Hyaluronsäure-Derivate sind angezeigt zur Behandlung von Schmerzen und gestörter Gelenkfunktion bei leichten bis mittelschweren Abbauerscheinungen im Kniegelenk (leichte bis mittelschwere Gonarthrose). Hyaluronsäure wird durch den Arzt in das betroffene Gelenk injiziert.


Wirkmechanismus

Die Behandlung mit Hyaluronsäure soll die Viskosität der Gelenkflüssigkeit erhöhen, den weiteren Knorpelabbau verzögern und somit die Schmerzen lindern. Die intraartikuläre Injektion von Hyaluronsäure soll zudem die Gelenkfunktion verbessern.


Anwendungshäufigkeit, Langzeitwirkung

Hyaluronsäure bzw. Hyaluronsäure-Derivate werden als Fertigspritze einmal wöchentlich in den Gelenkspalt des betroffenen Gelenks injiziert. Es wird eine 5-malige Verabreichung, jeweils in wöchentlichen Abständen, empfohlen.

Im Vergleich zur intraartikulären Injektion von Cortison (Kortikosteroiden) setzt die Wirkung der Hyaluronsäure später ein. Klinische Daten deuten darauf hin, dass Kortikosteroide in den ersten zwei Wochen eine bessere Schmerzreduktion erzielen als Hyaluronsäure (4). Die Wirkung von Hyaluronsäure erreicht ihr Maximum Studien zufolge im Mittel nach ca. 10 bis 13 Wochen (6).
Ein dauerhafter Effekt ist nicht zu erwarten. Oftmals muss die Behandlung nach etwa einem halben Jahr wiederholt werden.

Eher geeignet scheint die intraartikuläre Injektion von Hyaluronsäure für Patienten mit einer eher kürzeren Schmerzdauer und mit einer weniger stark ausgeprägten Arthrose (3). Im Umkehrschluss profitieren demnach Patienten mit einer schon seit Jahren bestehenden Schmerzsymptomatik und einer Gelenkarthrose im fortgeschrittenen Stadium weniger von einer Behandlung mit Hyaluronsäure.


Hyaluronsäure - Medizinprodukt oder Arzneimittel?

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft hat 2008 festgestellt, dass für die intraartikuläre Behandlung mit Hyaluronsäure keine gesicherten Daten aus klinischen Studien vorliegen. Daher gibt es bisher keine generelle Therapieempfehlung zur Behandlung der Arthrose mit Hyaluronsäure.

Entsprechende Präparate sind daher überwiegend als Medizinprodukte im Handel (z.B. Hya Ject® , Go On® , Ostenil®). Nur bei Hyalart® handelt es sich um ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel, das aber von der Verordnung zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung ausgeschlossen ist. Die Behandlung der Kniegelenksarthrose mit Hyaluronsäure wird daher von Ärzten in der Regel als eine »Individuelle Gesundheitsleistung« (iGeL) angeboten.

Die verfügbaren Hyaluronsäure-Derivate unterscheiden sich zum Teil deutlich in ihrer Zusammensetzung und damit auch in ihren physikochemischen Eigenschaften. Die Unterschiede der Hyaluronsäure-Präparate beziehen sich insbesondere auf das Molekulargewicht. Studienergebnissen zufolge unterscheiden sich diese Präparate auch in ihrer Wirksamkeit.

Die folgenden Hyaluronsäure-Präparate kommen derzeit klinisch u.a. zur Anwendung: Adant, Arthrum H, Artz (Artzal, Supartz), BioHy (Arthrease, Euflexxa, Nuflexxa), Durolane, Fermathron, Go-On, Hyalgan, Hylan G-F 20 (Synvisc Hylan G-F 20), Hyruan, NRD-101 (Suvenyl), Orthovisc, Ostenil, Replasyn, SLM-10, Suplasyn, Synject and Zeel compositum.

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Kniegelenksarthrose

Die Arthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung, etwa 10 Prozent aller Männer über 60 Jahre leiden an Gelenkarthrose. Am häufigsten betroffen ist das Kniegelenk. Während nur 6 Prozent aller über 30-Jährigen radiologische Zeichen einer Arthrose zeigen, steigt dieser Anteil auf 40 Prozent in der Altersgruppe der über 70-Jährigen (3). In einer Untersuchung von Patienten, die eine Kniegelenks-Arthroskopie erhalten hatten, zeigte sich, dass in 61 Prozent der Fälle Knorpelschäden nachgewiesen werden konnten, die zu 44 Prozent durch eine Arthrose hervorgerufen waren. Zu 28 Prozent waren es umschriebene Knorpelschäden, die z.B. durch ein Trauma bedingt sein konnten.

In den Abbauprozess des Knorpels einzugreifen und damit das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten oder sogar rückgängig zu machen, wäre das primäre Ziel der Arthrose-Therapie. Mit den derzeit zur Verfügung stehenden Medikamenten ist dies nur in einem geringen Maße zu erreichen. Im Vordergrund der Behandlung stehen daher die Verminderung oder Beseitigung des Schmerzes, Funktionsverbesserungen der betroffenen Gelenke sowie eine Verlangsamung der gelenkzerstörenden Prozesse.

Es liegen Hinweise vor, dass bei Arthrose die Konzentration und das Molekulargewicht der körpereigenen Hyaluronsäure im Gelenk reduziert sind.

Übersichtsarbeiten/Metaanalysen zur Wirksamkeit von Hyaluronsäure bei der Behandlung der Kniegelenksarthrose

In einer Cochrane-Metaanalyse wurden bereits im Jahr 2006 insgesamt 76 Studien zur Wirksamkeit von Hyaluronsäure bewertet (2). Im Vergleich zur Placebo-Behandlung attestierten die Autoren der Hyaluronsäure insgesamt eine bessere Wirksamkeit. Es wurde darauf hingewiesen, dass es Unterschiede in der Wirksamkeit und auch im Wirkeintritt zwischen den einzelnen Hyaluronsäure-Derivaten gibt. Hervorgehoben wurde, dass das Zeitfenster, indem eine Wirkung erwartet werden kann, etwa zwischen der 5. und 13. Wochen nach der Injektion liegt. Die prozentuale Verbesserung der Schmerzen gegenüber dem Ausgangswert wurde mit 28 bis 54 Prozent ermittelt. Funktionsverbesserungen lagen im Bereich von 9 bis 32 Prozent (2).

Eine umfassende Metaanalyse aus dem Jahre 2012 hat die Ergebnisse von insgesamt 89 Studien mit zusammen 12.667 Patienten ausgewertet (1). 68 Studien hatten eine Placebo-Kontrolle. Bei 40 Untersuchungen wurden die Patienten länger als 3 Monate nachbeobachtet. 

  • Ergebnisse: In 71 von 89 Studien konnte eine mäßig ausgeprägte Schmerzabnahme unter der Behandlung mit Hyaluronsäure dokumentiert werden. Die Unterschiede in den Ergebnissen der einzelnen Studien waren z.T. sehr ausgeprägt. Beispielsweise zeigte sich in fünf unveröffentlichten Studien keine Wirkung auf die Schmerzen. In 18 großen, verblindeten Studien wurde eine klinisch nicht-relevante Abnahme der Gelenkschmerzen beobachtet. In sechs weiteren Studien wurde eine geringfügige, statistisch nicht signifikante Zunahme der Gelenkschmerzen berichtet. In Bezug auf die Verträglichkeit wurde in 14 Studien beobachtet, dass die Hyaluronsäure-Gabe das Risiko von schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen erhöht (1).

Beinahe zeitgleich (2012) wurde eine weitere Metaanalyse zur Wirksamkeit unterschiedlicher Hyaluronsäure-Präparate in der Behandlung der Kniegelenksarthrose publiziert. Die Autoren konnten im Wesentlichen die Ergebnisse vorausgehender Analysen bestätigen (3). 
  • Die Studienergebnisse zusammenfassend, wurde unter der Gabe von Hyaluronsäure-Derivaten eine Schmerzabnahme um 40 bis 50 Prozent im Vergleich zum Ausgangswert dokumentiert. Wurde die intraartikuläre Hyaluronsäure-Injektion mit einer Kochsalz-Gabe als Placebo verglichen, dann war der Therapieerfolg deutlich geringer. Besonders auffällig war bei diesem Vergleich der ausgeprägte Effekt einer Injektion von Kochsalzlösung, die im Mittel zu einer über drei Monate anhaltenden Schmerzreduktion um etwa 30 Prozent führte. 

Auf Grundlage dieser Studienergebnisse äußerten die Autoren Bedenken, ob durch eine Hyaluronsäure-Behandlung im Vergleich zu Placebo überhaupt ein klinisch relevanter Unterschied erreicht werden kann (3).
Im Fazit dieser Metaanalyse wurde darauf verwiesen, dass weitere kontrollierte, große multizentrische Untersuchungen notwendig seien, um die Wirksamkeit der verschiedenen Hyaluronsäure-Präparate abschließend beurteilen zu können.
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Studien zum Vergleich von Hyaluronsäure mit anderen Behandlungsoptionen

Bei akuten, entzündlich bedingten Gelenkschmerzen, z.B. einer aktivierten Kniegelenksarthrose, wird häufig zur Schmerzlinderung die intraartikuläre Injektion von Kortikosteroiden angewandt.

In einer weiteren Übersichtarbeit wurde geprüft, ob es Unterschiede in der Wirksamkeit von intraartikulär verabreichten Kortikosteroiden (Methylprednisolon) und Hyaluronsäure (Hyalgan®) gibt (4). Insgesamt wurden in dieser Analyse 7 Studien mit 606 Patienten berücksichtigt. Bemerkenswert war, dass in den ersten 2 bis 4 Wochen die intraartikuläre Kortikosteroid-Gabe die Schmerzen signifikant stärker reduzierte als die Hyaluronsäure-Injektion. Langfristig hingegen, etwa ab der 8. Woche nach der Behandlung, war die Schmerz-Reduktion unter der Hyaluronsäure-Gabe signifikant ausgeprägter (4).

In den wenigen publizierten Studien mit einer NSAR-Vergleichsgruppe wurden keine wesentlichen Unterschiede in der Wirksamkeit beobachtet (2).

Weitere Untersuchungen weisen darauf hin, dass auch andere Behandlungsverfahren mittelfristig die Symptome einer Kniegelenksarthrose positiv beeinflussen und im direkten Vergleich der Hyaluronsäure-Gabe überlegen sein können. Für die transcutane elektrische Nerven-Stimulation (TENS) konnten beispielsweise im direkten Vergleich mit der wöchentlichen Gabe von Hyaluronsäure Vorteile bei der Schmerzminderung und der Funktionalität des Kniegelenkes bis zu drei Monate nach Ende der Behandlung dokumentiert werden (8).


Studien zu unterschiedlichen Hyaluronsäure-Präparaten (Hyalgan®, GO-ON®, Hylan®, Synvisc®, Orthovisc®)

Zur Behandlung der Arthrose werden Hyaluronsäure-Präparate mit unterschiedlichem Molekulargewicht angewandt. Es werden im Wesentlichen drei Gruppen unterschieden: 
  • Präparate mit niedrigem Molekulargewicht (500 – 730 kD, z.B. Hyalgan®), 
  • mittlerem Molekulargewicht (800 – 2000 kD, z.B. GO-ON®, Orthovisc®) und 
  • hohem Molekulargewicht (durchschnittlich: 6000 kD, z.B. Synvisc®, Hylan®).

Nicht zu allen Hyaluronsäure-Präparaten sind klinische Studien veröffentlicht. Am häufigsten wurden die Präparate Hyalgan®, Artz®, Orthovisc® und Synvisc® unter kontrollierten Studienbedingungen untersucht.

  • Zum Präparat Hyalgan® wurden bisher insgesamt 25 kontrollierte Studien, insbesondere zur Therapie der Kniegelenksarthrose veröffentlicht. Im Vergleich zum Ausgangsbefund konnte in diesen Untersuchungen unter Hyalgan® im Mittel eine Schmerzabnahme um 43 Prozent dokumentiert werden (3).

  • Zum Präparat Synvisc® wurden bisher 35 Studien mit zusammen 2117 Patienten ausgewertet. Hier lag die durchschnittliche Schmerzverbesserung im Vergleich zum Ausgangsbefund bei ca. 41 Prozent (3). Vergleichbare Ergebnisse zeigten sich auch für die Hyaluronsäure-Präparate Orthovisc® und Artz®.

Zu den wenigen Hyaluronsäure-Präparaten für die im Vergleich zu Placebo (Injektion einer Kochsalzlösung) eine signifikante Verbesserung der Schmerzsymptome belegt ist, zählen Hyalgan® und Synvisc® (3).

Direkte Vergleichsuntersuchungen zwischen einzelnen Hyaluronsäure-Präparaten erbrachten zum Teil gegensätzliche Ergebnisse: Synvisc® erwies sich in zwei Studien dem Hyalgan® und in drei Studien dem Artz®¨ als überlegen (3). Für den Vergleich von Synvisc® und Orthovisc sind widersprüchliche Ergebnisse publiziert. Werden die Ergebnisse von fünf Vergleichsstudien zusammengefasst, so ergibt sich ein Vorteil von Orthovisc® gegenüber Synvisc® (3).

In einer Metaanalyse wurde geprüft, ob Hyaluronsäure-Präparate mit hohem Molekulargewicht (z.B. Synvisc®, Hylan®) anderen Hyaluronsäure-Zubereitungen überlegen sind (5). Nach der Auswertung von 13 Studien mit zusammen über 2000 Patienten kommen die Autoren zu dem Schluss, dass Hyaluronsäure- Zubereitungen mit hohem Molekulargewicht denen mit niedrigem Molekulargewicht nicht signifikant überlegen sind. Bemerkenswert war die Beobachtung, dass das Risiko für lokale Nebenwirkungen der intraartikulären Injektion bei Präparaten mit hohem Molekulargewicht (z.B. Hylan®) signifikant höher lag (5).

In einer kürzlich veröffentlichten Vergleichsstudie zwischen den Hyaluronsäure-Präparaten GO-ON® (mittleres Molekulargewicht: 800 – 1500 kD) und Hyalgan® (niedriges Molekulargewicht: 500 – 730 kD) zeigten sich nach einer Beobachtungsdauer von 6 Monaten Vorteile zugunsten von GO-ON® im Bezug auf die Symptome und die Responderrate (73,3 vs. 58,4 Prozent) (6). 

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Kniegelenkersatz

Zur Frage, ob eine regelmäßige Behandlung mit Hyaluronsäure die langfristig häufig notwendige Kniegelenkersatz-OP verzögern und damit die Krankheitsprogression beeinflussen kann, liegen nur wenige Untersuchungen vor. Ersten Ergebnissen zufolge scheint es möglich, durch die Hyaluronsäure-Behandlung die Notwendigkeit eines künstlichen Kniegelenkersatzes um 2,67 Jahre hinaus zu zögern (7). 

Sprunggelenkarthrose

Neben der Behandlung der Kniegelenksarthrose werden auch weitere degenerativ veränderte Gelenke mit Hyaluronsäure behandelt. Eine Studie an Patienten mit einer Sprunggelenksarthrose hat die Langzeitwirksamkeit und Verträglichkeit untersucht. Bei insgesamt 18 Patienten, die über einen Zeitraum von im Mittel 45 Monaten im Durchschnitt alle zwei Jahre drei Injektionen erhalten hatten, konnte bei 73 Prozent ein gutes oder sehr gutes Therapieergebnis dokumentiert werden (11).


Ausblick

Weitere Langzeit-Untersuchungen zur Wirksamkeit von Hyaluronsäure sind notwendig. Dabei gilt es die Frage zu beantworten, ob die Hyaluronsäure-Behandlung geeignet ist, die Krankheitsprogression insgesamt zu verlangsamen, d.h. der fortschreitenden Gelenkzerstörung entgegenzuwirken. Erste Daten deuten darauf hin, dass die langfristige Hyaluronsäure-Gabe den Gelenkersatz (z.B. Endoprothese des Kniegelenks) hinauszögern könnte.
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Weitere Anwendungsgebiete von Hyaluronsäure

Aufgrund anti-entzündlicher und antibakterieller Eigenschaften scheint Hyaluronsäure geeignet zur Behandlung der Parodontose (Parodontitis). Die Autoren einer Übersichtsarbeit bescheinigen der Substanz als Ergänzung zur konventionellen Behandlung einer Parodontitis durchaus ein therapeutisches Potential (9).

Patienten mit einer Mukoviszidose (Cystischen Fibrose) können möglicherweise auch von einer Ergänzung ihrer Therapie mit Hyaluronsäure profitieren. Mukoviszidose-Patienten, die die Inhalation von hypertoner Kochsalzlösung bisher nicht vertragen hatten, zeigten unter der Zugabe von Hyaluronsäure eine Abnahme von Husten und Rachenreizung (10).


Fazit

Die regelmäßige intraartikuläre Injektion von Hyaluronsäure kann innerhalb von 3 Monaten bei Arthrose-bedingten Kniegelenksschmerzen zu einer Schmerzabnahme im betroffenen Gelenk um 40 bis 50 Prozent im Vergleich zum Ausgangswert beitragen.
Studien zufolge gibt es zum Teil deutliche Unterschiede in der Wirksamkeit der verschiedenen Hyaluronsäure-Präparate.
Aufgrund der zum Teil widersprüchlichen Studienergebnisse kann derzeit nicht eindeutig entschieden werden, ob einzelne Formulierungen anderen relevant überlegen sind. In der Tendenz weisen die Studienergebnisse auf eine bessere Wirksamkeit der Hyaluronsäure-Präparate mit mittlerem bis hohem Molekulargewicht hin.
Es liegen jedoch Hinweise vor, dass Hyaluronsäure-Präparate mit hohem Molekulargewicht ein höheres Nebenwirkungsrisiko aufweisen.

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Literatur

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8. Chen WL, et al. Comparison of Intra-articular Hyaluronic Acid Injections With Transcutaneous Electric Nerve Stimulation for the Management of Knee Osteoarthritis: A Randomized Controlled Trial. Arch Phys Med Rehabil. 2013 Apr 27. pii: S0003-9993(13)00315-8.

9. Dahiya P, et al. Hyaluronic Acid: a boon in periodontal therapy. N Am J Med Sci. 2013 May;5(5):309-15.

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